1862 -1918
D.s Gesamtschaffen erlaubt eine grobe Gliederung in 3 Abschnitte.
1) Die erste Periode des Studiums und des "symbolistischen Frühschaffens"
(Danckert) gipfelt 1902 im Pelleas.
2) In der folgenden Zeit, auf dem Höhepunkt des Erfolges, vollzog
sich ein allmählicher Stilwandel, dem nach
3) 1911/12 eine klassizistische Periode folgte.
Die Werke der ersten Schaffensperiode bieten ein überaus
heterogenes Bild: Anfänglich wechselt die Qualität der Kompositionen
sprunghaft vom Suchenden, Schulmäßigen in L'Enfant prodigue
zum
harmonisch "Gewagtem" der Diane aux bois und der bereits typischen
satztechnischen Durchsichtigkeit und spezifischen Klangqualität in
Liedern wie Mandoline L'Ombre des arbres dans Ja riviere. Die in
Rom geschriebenen oder konzipierten Werke Printemps und La Damoiselle
elue tragen bereits signifikante Merkmale eines allmählich gefestigten
Personalstils.gekennzeichnet durch die Verwendung von
Kirchentonarten, Pentatonik, Ganztonreihen
und Parallelakkordik.
Printemps' von den Preisrichtern des Conservatoire als unspielbar
verworfen, gab Anlass, Gounods öffentliche Warnung (20. 10.1883) vor
übertriebenen Modernismen, die sich mit leeren Schlagworten wie Idealismus,
Realismus
und
Impressionismus
nicht begründen ließen, wieder in Erinnerung zu rufen. In der
präraffaelitischen
Kantate
La
Damoiselle elue ist bereits ein entscheidender Schritt zur schwebenden
Melodik späteren Werke getan.
Mit der allmählichen Verfestigung eigener ästhetischer
Vorstellungen, zum Verzicht auf Funktionsharmonik
und formale Schemata (z.B. die Sonatenhauptsatzform)
führten, und mit der parallel dazu verlaufenden rationalen
Verarbeitung der zahlreichen musikalischen Impulse die von Wagner,
Mussorgski und zeitgenössischen französischen Komponisten ausgingen,
nahm die stilistische Heterogenität der
Werke ab.
Die 5 Baudelaire- Gesänge von 1890, vielleicht das ,,Reifezeugnis"
des Komponisten entstanden neben meisterlichen Werken wie Ariettes oubliees
Fetes Galantes, Proses lyriques , derSuite bergamasque und dem einzigen
Streichquartett.
In diese Zeit fällt auch die Abfassung des unveröffentlichten
Opernmanuskripts Rodrigue et Ownene, das, wie der erste Entwurf
zum Prelude a' 1'apres-midi d'un faune, der damaligen Lebensgefährtin
Gaby gewidmet ist. D., der Programmusik ausdrücklich
ablehnte, versuchte in diesem für die musikhistorische Entwicklung
bedeutsam gewordenen ,,symphonischen Vorspiel" ,,eine sehr freie Erläuterung
des schönen Gedichts von Stephane Mallarme"'
(Programm zur Uraufführung). Das Element des Traums sollte nach der
Intention D.s hier zum Inbegriff des Ästhetischen werden.
1899 vollendete er die 2. Fassung der Nocturnes,
die zu-nächst
,,für Sologeige und Orchester" (Brief an ,E.Ysaye) als eine Art von
,,Farbstudie" geplant waren, als ,,Versuch, in verschiedenen Besetzungen
eine einzige Farbe wiederzugeben". Die spätere reine Orchesterfassung
behielt das Schwergewicht auf dem Element der Klangfarbe
bei. Das Triptychon
Nocturnes stellt den Höhepunkt des orchestralen
Schaffens in der ersten Periode dar; vergleichbar sind im Bereich der Gesänge
die
Chanwns de Bilitis (1897) und im Klavierschaffen die -Suite
Pourle
piano (vollendet 1901).
Gleichsam als Realisierung seiner theoretischen Ansichten über
das Musikdrama beendet die einzige vollendete und in Szene gesetzte Oper,
Pelleas
et Melisande, die erste Schaffenszeit des Komponisten.
Das Werk, das von vielen Zeitgenossen als revolutionierende Erneuerung
der Oper und als Gegenpol zum Musikdrama Wagners begrüßt wurde,
gründet seiner Idee nach im Fin-de-siede. Eine kurzatmig wirkende
Folge von Bildern soll das Pathos großer Monologe ablösen und
Menschen zeigen, die ,,das Leben und das Schicksal hinnehmen". Nach der
Grundidee seiner Naturästhetik soll die Musik ,,den Traum der Klänge
unmerklich an den der Worte knüpfen" und beinahe metaphysisch Einheit
von Sprache und Musik stiften. Die Oper ist nicht frei von Wagnerismen,
doch revolutionierte D. durch sie die Gattung im Detail. Fast durchgängig
rezitativisch, mit kleinen Intervallschritten und sparsamer Harmonik schmiegt
sich die Musik psychologisch verstärkend an den symbolistischen Text
M. Maeterlincks an, ohne aber tonmalerisch zu werden. Zwangsläufig
folgt aus dieser Konzeption, daß Pelleas et Me~sande ein Werk
ohne eigentliche musikalisch-dramatische Höhepunkte bleiben mußte.
Im Zentrum der mittleren Schaffensphase stehen die beiden Orchesterwerke
La Mer (1903~05) und 1beria (1906/08). In ihnen erfolgt durch intensive
Ausschöpfung tonmalerischer Techniken eine
Annäherung an die programmatisch gebundene Musik. La Mer ist
eine eigentümliche Mischung aus Realem und Traumbild, während
in lberia das Realistische überwiegt. Klare Linienführung
in der Melodik wird als Kontrast zu eigenwertigen Klangflächen eingesetzt.
D. schrieb in dieser Zeit keine Kammermusik und verlegte sein Interesse
auf konzertante Stücke wie die Danses
für Harfe
und Streichorch. (1904) und die 2 Klarinettenwerke Rhapsodie
und
Petite
piece (beide 1910). Unter den Gesangswerken treten die 2. Folge der
Fetes
Galantes (nach Verlaine, 1904) und die Trois Ballades de Fr. Villon
durch
ihre scharfe, sparsame Linienführung
hervor, während im Klavierschaffen D. mit Meisterwerken wie L'Isle
joyeuse, Images, Estampes und 24 Preludes
brilliert.
Seiner Tochter Claude-Emma (Chouchou) widmete er die Suite Children's
Corner
(1906/08), eine Folge von musikalischen Miniaturen. Frühere
Klangfarbenexperimente
führen in diesen Werken zur Vollendung eines bisher nicht gekannten
Klavierstils. Während D. den Plan, mit E. A. Poes Der Teufel im
Olokkenstuhl (Le Diable dans le beffroi) ein burleskes Gegenstück
zum Pelleas zu schaffen, bald aufgab, fand er am Ende der zweiten
Schaffensphase in G. d'Annunzios
Le Martyre de Saint Sebastieneine
Vorlage, die sein Interesse bis zum Abschluß der Komposition fesselte.
Das Werk, das in seiner Bedeutung für D. gern mit dem Stellenwert
des Parsifal
im Schaffen Wagners verglichen wird, kann keiner der
Gattungen Oper, Oratorium oder Tanzspiel zweifelsfrei zugeordnet werden.
Es weist auf die den späteren Vokalwerken eigene Melodik voraus und
verbindet diese mit den farbigen Klangflächen der großen sinfonischen
Kompositionen.
Die von der Krankheit des Komponisten überschattete dritte
Schaffensperiode ist durch wenige Marksteine abzugrenzen. Es entstanden
die Ballettmusiken
Khamma, La Boite a' joujoux (Kinder-ballett)
und Jeux sowie als kammermusikalische Werke die Sonaten für
Violoncello und Klavier (1915), Flöte, Bratsche und Haffe (1915) und
Violine und Klavier (1916/17). Für Klavier schrieb D. die Douzc
Etudes, En Blanc et Noir (für 2 Klaviere), SixEpigraphes antiques
und
Berceuse
heroique.
Der Spätstil, der sich in diesen Werken abzeichnet, wird in
den
Trois poemes de St. Maflarme noch einmal exemplarisch greifbar:
Die oft festzustellende Kleingliedrigkeit der früheren Melodik verliert
sich hier zugunsten weit gespannter Melodiebögen,
wird zum filigran gearbeiteten Arioso.
Zur Beschreibung von D.s Gesamtschaffen sollte auf den musikologisch
untauglichen Begriff ,,Impressionismus" verzichtet werden. D. trug seinen
Teil zu den unter zeitgenössischen Komponisten verbreiteten Versuchen
bei, die klanglichen Möglichkeiten der abendländischen Musik
und den Rahmen traditionellen Komponierens entscheidend zu erweitern. Sein
Beitrag, kompositionstechnisch charakterisiert einerseits durch den Verzicht
auf Funktionsharmonik und tradierte Formen, andererseits durch die Verwendung
von Klangflächen, Parallelakkordik mit einem Nebeneinander entfernter
Dreiklänge, Kirchentonarten, Ganztonreihen und fernöstlichen
Idiomen, nimmt in einer Zeit des musikgeschichtlichen Umbruchs zweifellos
einen hervorragenden Platz ein und erlangte in manchen Werken historische
Bedeutung.