Das Musikpublikum  ( Zusammenfassung)

       aus dem Funkkolleg: Debussy und das Französische in der Musik

                              ständige Wiederholungen      gefällige  Programme      Aufnahme von Neuem

 
Daß die Struktur des Pariser Musikbetriebs in einer verhängnisvollen Wechselbeziehung mit den Erwartungen des Publikums stand, mußten die jungen Komponisten schmerzlich erfahren. Es war ein nicht auflösbarer Zirkel, in dem das Publikum die Opern  und Konzertveranstalter veranlaßte, bestimmte (und immer wieder dieselben) Werke zu spielen, während die Programmdirektoren durch Wiederholungen beliebter Werke dem Publikum unmerklich ein Verlangen danach einflößten und es in eine Haltung drängten, die wirkliche "Neu Gier" ausschloß:
    Saint Saens
"Man setzte an die Spitze der Plakate Beethoven, Mozart, Weber, Mendelssohn oder etwas Ähnliches. Einmal nun auf dieses Gebiet festgelegt, wurde es für Pasdeloup schwierig, hiervon abzugehen, denn das Publikum bleibt konservativ, ist es einmal in eine Richtung geleitet worden. Man erinnere sich an die hemmungslosen Entrüstungsstürme in dem riesigen Saal des Cirque, hervorgerufen durch das bloße Erscheinen der furchterregenden Namen von Schumann und Richard Wagner. Das Publikum war gekommen, um klassischer Musik zu lauschen, es brauchte klassische Musik und nichts anderes. " (Saint Saens)
 
Wich ein Programm vom Gewohnten und Erwarteten ab, so reagierte das Publikum mit unverhohlenem Desinteresse oder (wie Camille SAINT SAENS gerade berichtete) mit Entrüstung, eine Erfahrung, die auch BERLIOZ 1860 bei einem Konzert mit Werken von Richard WAGNER gemacht hatte:
"Er hat es gewagt, das Programm seines ersten Abends ausschließlich aus Ensemblestücken, Chören oder Orchesterwerken zusammenzusetzen. Schon das bedeutete eine Kriegserklärung gegen die Gewohnheiten unseres Publikums, welches, unter dem Vorwande, die Abwechselung zu lieben, sich stets bereit zeigt, den lärmendsten Enthusiasnius für ein gut vorgetragenes Liedchen, eine gut vokalisierte, fade Kavatine, ein gutes Tanzkunststück auf der E Saite einer Violine, oder für gut gepfiffene Variationen auf irgendeinem Blasinstrumente zur Schau zu tragen, nachdem es irgend einem großen Meisterwerke eine anständige, aber kalte Aufnahme bereitet hat." (Berlioz)
Denselben Sachverhalt prangert auch DEBUSSYS sarkastische Bemerkung an,
die allerdings rund vierzig Jahre später geschrieben wurde:
"Par une ironie singulière, ce public qui demande du Nouveau' est le
même qui s'effare et se moque toutes les fois que l'on essaye de le sortir
de ses habitudes et du ronron habituel."9
"Es liegt schon eine einzigartige Ironie darin, daß das gleiche Publikum, das nach Neuem' verlangt, jedesmal dann außer Fassung gerät und sich mokiert, wenn man versucht, es aus seinen Gewohnheiten und seinem eingefleischten Wohlbehagen herauszulocken.­
Programme, die   wie das folgende, bei dem Débussy als Pianist mitwirkte, aus einem bunten Gemisch von Virtuosenstücken, Opernarien und Opernfantasien, bis in zu der Schluß Pièce "Wo ist mein Fahrrad ", bestanden, dürften Begeisterung und jenes "eingefleischte Wohlbehagen" erregt haben, von dem DEBUSSY sprach.
Wurde dagegen tatsächlich Ungewöhnliches aufgeführt (im Salon, in kleinen, exklusiven Zirkeln, wo das "breite Publikum" nicht anwesend war)  beispielsweise die späten Streichquartette BEETHOVENS in einer Kammermusikvereinigung wie der "Société des Derniers Quatuors de Beethoven"  , so beruhte der Erfolg dieser Art von Veranstaltungen nicht selten darauf, daß sie dem Publikum Gelegenheit boten, anstelle von "lärmendem Enthusiasmus" Geschmacks-Exklusivität zu demonstrieren.
Man "goutierte" die von allem Alltäglichen abweichende Musik wie ein exotisches Gericht, für dessen Würdigung man sich Kennerschaft zuschreiben durfte;
und mit dem gleichen Snobismus, mit dem man umstandslos einer Mode folgte (also auch der Mode, für Beethovensche Quartette zu schwärmen), lehnte man Musik ab, der man die Eigenschaften des "Modischen" und "Exklusiven" nicht zuerkannte: Das waren vor allem Werke zeitgenössischer französischer Komponisten, neue Musik also, mit der man sich   wie der deutsche Kritiker im Folgenden schreibt, hätte kompromittieren können:
"Immer mehr kommt die deutsche Musik hier in die Mode. So erfreulich es auch ist, nicht mehr ausschliesslich nur im Conservatoire, den Concerts populaires und in den mit jcdem Jahr sich mehrenden Quartett Vereinen gute Musik zu hören, sondern auch in den meisten Concerten und Privat Soiréen, wo noch vor Kurzem die Virtuosenkunststücke und die Opernphantasien aller Arten sich breit machten, so ist es bis jetzt eben doch weit mehr die Mode, die diesen Umschwung bewirkte, als ein grösseres Verständniss des Publikums. Wäre dem nicht so, so müssten wir unbedingt das Pariser Publikum für das musikalischste, gebildetste der Welt erklären; keine deutsche Stadt hätte ein ähnliches aufzuweisen! Wo in der That fänden Sie in Deutschland, was wir häufig jetzt in den elegantesten Salons hier erleben? In den festlich erleuchteten, grossen, von Gold und Seide strotzenden Salons der vornehmen Welt ist ein zahlreicher Kreis der elegantesten Pariser Damen in brillanter Balltoilette versamrnelt, nicht etwa um Quadrille und Polka zu tanzen , nein, es ist eine  nusikalische Soirée und was wird diesen eleganten Damen vorgeführt? Ist es ein beriühmter Virtuose, der sich da producirt? Ist es Mademoiselle Patti, die prima donna vom italienischen Theater, die jetzt aller Welt die Köpfe verdreht? Nein, es sind die  letzten  0 u a r te t te von Beethoven [ ... 1
Von neueren Werken hört man hier nur äusserst selten etwas, und seit wenig Jahren ist selbst Mendelssohn erst in den Concerten des Conservatoires aufgenommen. Schumann und Schubert als Instrumental Componisten kennt man nur wenig... Man hat auch einige schüchterne Versuche gemacht, in besonders dafür gegründeten Concerten dem Publikum Werke lebender Componisten vorzuführen (ein Gegensatz zu den ancient Concerts in London, wo man nur dieTodten leben liess, aber sie fanden keine rechteTheilnahme, und das Publikum zieht vor, jedes Jahr so ziemlich dieselben Stücke berühmter Meister bewundern zu können, mit aller Sicherheit, sich nicht zu compromittiren. " "'