Romain ROLLAND nannte
die Zeit zwischen 1870 und 1910 mit einer Mischung aus
Selbstbewußtsein
und kaum verborgenem Pathos "renouveau", "Erneuerung" der
Musik.
Unter diesen Begriff faßte er eine Vielzahl von
Bestrebungen und Aktivitäten in allen Bereichen des Musiklebens, die
sich darin glichen, daß sie von einem nicht zu übersehenden
Willen zur Veränderung, von der Suche nach Neuem, von einer stetig
sich verstärkenden Aufbruchsstimmung getragen waren.
Es war nicht der Deutsch Französische Krieg von
1870/71, der Bestrebungen dieser Art ausgelöst
hätte;
doch gab er einem zuvor schon vorhandenen Unbehagen am Musikleben, wie
es war, mächtigen Auftrieb.Das Verlangen nach musikalischer Erneuerung
erwuchs aus dem anhaltenden
Protest
einer ganzen Komponistengeneration gegen ein Musikleben, das der Routine
anheimgefallen war, weil es von Institutionen getragen wurde, deren durch
Jahrzehnte gewachsene und verfestigte Strukturen jeder Veränderung
von vornherein entgegenstanden. Doch erschöpfte sich der Protest der
Komponisten nicht darin, das Unbehagen am Musikleben lediglich zu äußern
und durch Kataloge von Mängeln und Unzulänglichkeiten zu belegen;
er bildete vielmehr das kritische Potential, das sich nach 1870 in Aktivität
verwandelte, Zug um Zug das Musikleben erfaßte, beeinflußte,
um sich schließlich in der Musik selbst, den neu entstehenden Werken,
niederzuschlagen.
Daß in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts
eine ganze Generation von jüngeren Komponisten unter ihnen
Charles
GOUNOD, Jules MASSENET, Léo
DELIBES, CamilleSAINT SAENS, Georges
BIZET gegen das Musikleben zu opponieren begann, mag
zunächst als normaler Generationskonflikt, als Kampf der Jungen gegen
die Alten, die Lehrer, die Etablierten, die Erfolgreichen erscheinen. Denn
die "Alten" hatten eine so beherrschende Stellung im Musikleben, daß
sie selbst gleichsam zu "Institutionen" geworden waren.
Einer
der erfolgreichsten "französischen" Kompoilisten des 19. Jahrhunderts
war der aus Deutschland stammende Giacomo MEYERI3EER,
dessen Bühnenwerke seit 1831 an der Pariser Großen Oper ihre
triumphalen Aufführungen und Uraufführungen erlebt hatten:
"Robert
le Diable" (1831), "Les Huguenots" (1836),
"Le Proph~te"
(1849),
"L'Africaine"
(posthum
1865).
Zu den
Erfolgreichen gehörte auch der 1782 geborene Daniel
Francois Esprit AUBER, der seinen Ruhm in den zwanziger Jahren auf
dem Gebiet der "Grand opéra'. ("La muette de Portici", 1828),
vor allem aber auf dem der "Opera comique" ("Le macon", 1825; "Fra
Diavolo", 1830) begründet hatte, deren Hauptvertreter er wurde.
Bis 1850 brachte er fast jährlich ein neues Werk heraus; seine letzte
Uraufführung erlebte er 1869, siebenundachtzigjährig, in Paris.
Daß seine Werke Jahrzehnte hindurch in ununterbrochener Folge gespielt
wurden, zeugt von seinem Ansehen und der Beliebtheit, die er beim Publikum
genoß. Seine Opern galten als Inbegriff französischer Musik,
ausgezeichnet durch Leichtigkeit, Liebenswürdigkeit und Eingängigkeit;
er selbst wurde als "musicien francais par excellence gerühmt. Ergänzt
man die beiden Namen um die von Jacques Fromental HALEVY, des Komponisten
der Juive" (1835), von Adolphe ADAM,
dessen Erfolg vor allem auf die Oper "Le postillon de Longjumeau" (1836)
und das Ballett "Giselle"
(1841) gegründet war, von Ambroise
THOMAS, des Komponisten der Oper "Mignon" (1866), fügt
man Namen italienischer Komponisten hinzu Gioacchino
ROSSINI, Gaetano DONIZETI- ,
die in Paris Karriere gemacht hatten und deren Opern zum festen Repertoire
gehörten, so wird eine Eigentümlichkeit des Pariser Musiklebens
jener Zeit deutlich:
Die
erfolgreichen Komponisten waren allesamt Opernkomponisten, die Oper war
gleichsam der Inbegriff von Musik, an ihr bildete sich das musikalische
Bewußtsein des Publikums.
Dieser
einseitig ausgerichtete Musikbetrieb stellte die jungen Komponisten vor
ein doppeltes Problem: waren sie Opernkomponisten, so sahen sie sich der
beherrschenden Stellung der "école francaise" (AUBER, HALEVY, ADAM,
THOMAS) und den "Ausländern" (MEYERBEER, Rossinoperi) gegenüber
, waren sie Instrumentalkomponisten, so fanden sie sich wegen der Vorherrschaft
des Opernbetriebs vom Musikleben fast gänzlich ausgeschlossen.
"Das
Theater begann damals dem Neuen zu mißtrauen", schrieb Camille SAINT
SAENS im Rückblick auf die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Betrachtet
man die Spielpläne der Pariser Großen Oper, so ist das
Verbleiben in gewohnten Bahnen, die Scheu, sich dem Risiko von Aufführungen
neuer, unbekannter Werke auszusetzen, unübersehbar:
Zwischen
1852 und 1870, in einem Zeitraum von fast zwanzig Jahren, standen lediglich
fünf Uraufführungen französischer Werke auf dem Programm.
Diese Tatsache blieb sogar von der ausländischen Presse nicht unbemerkt;
so schreibt die Allgemeine musikalische Zeitung 1872 mit unverhohlener
Ironie:
"Die
Nationale Grosse Oper macht es gerade wie es die kaiserliche früher
gemacht hat: Sie ruht auf ihren Lorbeeren aus! Die Zugopern des alten Repertoires
müssen irnmer wieder herhalten. Auf den Propheten' folgt Faust' oder
Der Troubadour', ausnahmsweise' auch der Wilhelm Tell' und umgekehrt
Neues giebt es da, ausser dem Debut des Tenors Trinquier, das passabel
ausgefallen ist, Nichts zu melden."
"Vergangenen
Montag ist in der Grossen Oper der Prophet' zum dreihundertsten Male gegeben
worden. Zur Abwechslung wird nun jetzt dic Afrikanerin' einstudirt. " 1
Und daß sich daran bis in den Anfang des 20.
Jahrhunderts nichts Grundsätzliches geändert hatte, stellten
Romain ROLLAND und Claude DEBUSSY unverblümt fest:
"Die Oper ist ein prunkvoller Gesellschaftssalon
geworden oder geblieben, wo sich das Publikum mehr für sich als für
die Aufführung interessiert. Trotz der enormen Summen, die sie jedes
Jahr verschlingt, studiert man jährlich mit Mühe ein oder zwei
ncue Werk ein: und darunter finden sich sehr selten solche Werke,
die für die Bewegung der Gegenwart charakteristisch sind [....] Trotz
aller Wandlungen des Geschmacks und trotz aller Zeitungskritiken ist die
Oper bis heute ein Meyerbeer und Gounodtheater geblieben, und man
muß allerdings zugeben, daß es dafür ein Publikum gibt.
"2
"Mais,
une fois pour toutes, l´Opéra devrait être un théâtre
modèle, il n'est qu'un endroit oû le luxe monumental n`arrive
pas à cacher la pauvreté de ce qu'on y représente."
Aber,
ein für allemal, unsere Oper müßte ein Theatermodell, eine
Musterbühne sein, und nicht ein Ort, wo der aufwendige Luxus die Armseligkeit
des Gebotenen nicht zu kaschie ren vermag."
Wenn
also die jüngeren Komponisten um 1870 zu opponieren begannen. so nicht
nur, weil sie sich um ihre künstlerischen Möglichkeiten betrogen
sahen, sondern
auch, weil sie nicht zulassen wollten,
sich aus dem, was man unter "französischer Musik" verstand, an einem
so glanzvollen und repräsentativen Ort, wie es die Große Oper
war, ausgeschlossen zu sehen.
Anders verfuhr das zweite große Pariser Musiktheater,die
Opéra Comique,die sich nicht auf die Wiederholung immer derselben
Werke beschränkte, die Publikumswirksamkeit nicht zum alleinigen Kriterium
ihrer Programmgestaltung machte. Zwar genossen auch hier bestimmte Werke
deutlichen Vorrang, nämlich die der drei "klassischen" Vertreter der
komischen Oper BOIELDIEU, AUBER,
ADAM
, doch gab man auch Werken junger Komponisten Raum und neben der komischen
Oper auch anderen Operntypen. Die musikalische Spannweite der Aufführungen
sei mit einigen markanten Werktiteln angedeutet:
1875
"Carmen "von Georges Bizet
881
"Les contes d'Hoffmann" von Jacques Offenbach
1884
"Manon" von Jules Massenet
1898
"Fervaal" von Vincent d'Indy
1900
"Louise" von Gustave Charpentier
1902
"Peliäas et Mélisande" von Claude Debussy
Mit
Recht bezeichnete Romain ROLLAND die Opéra Comque als die "Stätte
der kühnsten Versuche des Musikdramas " in Frankreich.
Das
Konzert
Daß
im
19. Jahrhundert in Frankreich die Musik in erster Linie Opernmusik, das
Musikpublikum
ein Opernpublikum und die Musikgeschichte weitgehend mit
Operngeschichte
identisch war, machte es den jungen Komponisten von Instrumentalmusik schwer,
sich Gehör zu verschaffen oder gar einen Namen zu machen.
"Jene
Leute, die in musikalischen Fragen nicht so auf dem laufenden sind, glauben
im allgemeinen, daß musikalische Ereignisse von Rang auf der Bühne
stattfinden und daß die Instrumentalmusik wenig Interessantes zu
bieten hat." (Saint Saens)
Nicht
daß es in Paris keine Konzerte mit Kammer und Orchestermusik
gegeben
hätte:
da waren die berühmten Xoncerts du Conservatoire", die seit 1828
bestanden
und sich einen europäischen Ruf erworben hatten; und seit der Mitte
des
Jahrhunderts war eine Vielzahl von Konzertreihen und Kammermusikgesell
schaften
entstanden, unter denen die von Jules PASDELOUP dirigierten Konzerte die
bekanntesten waren.
Doch
standen überall die Werke der deutschen Klassiker und Romantiker
in den Programmen an vorderster Stelle: In den Konservatoriumskonzerten
waren von rund 1200 zwischen 1828 und
1870
gespielten Werken
allein mehr als 500 (das heißt mehr als 40%) Aufführungen Beethovenscher
Kompositionen; ihnen folgten in größerem Abstand
Werke von HAYDN, WEBER,
MENDELSSOHN und MOZART.
Weder
BERLIOZ
noch einer der jüngeren französischen Komponisten wurde hier
gespielt. Im Gegensatz zu dem exklusiven Publikumskreis der Konservatoriumskonzerte
öffneten PASDELOUPS "Concerts populaires" (wie bereits der Name
andeutet) dem breiten Publikum ihre Türen doch blieben
auch hier wiederum die jungen Komponisten fast vollständig ausgeschlossen:
Pasdeloup
gab sich ausschließlich klassisch und germanisch und schrieb in fetten
Lettern auf seine Plakate: BEETHOVEN, MOZART, HAYDN, WEBER, MENDELSSOHN,
was für das Publikum heißen sollte: Einzig und allein diese
Meister sind Ihrer Ohren würdig, alles übrige verdient nicht
Ihre Aufmerksamkeit. Während der Jungen Französischen Schule,
die nur die Möglichkeit, Karriere zu machen, forderte, die
Türen der Société de Sainte Cécile' und der Jeunes
Artistes' offengestanden hatten, setzte ihr Pasdeloup eine unüberwindliche
Barriere entgegen.`
Ähnlich
war das Bild bei den Kammermusikvereinigungen: auch ihr Repertoire bestand
überwiegend aus Klassik und Romantik deutscher Provenienz und nahm
von Musik französischer Komponisten so gut wie keine Notiz.
Das
Musikpublikum
Daß
die Struktur des Pariser Musikbetriebs in einer verhängnisvollen Wechselbeziehung
mit den Erwartungen des Publikums stand, mußten die jungen Komponisteil
schmerzlich erfahren. Es war ein nicht auflösbarer Zirkel, in dem
das Publikum die Opern und Konzertveranstalter veranlaßte,
bestimmte (und immer wieder dieselben) Werke zu spielen, während die
Programmdirektoren durch Wiederholungen beliebter Werke dem Publikum unmerklich
ein Verlangen danach einflößten und es in eine Haltung drängten,
die wirkliche "Neu Gier" ausschloß:
"Man
setzte an die Spitze der Plakate Beethoven, Mozart, Weber, Mendelssohn
oder etwas Ähnliches. Einmal nun auf dieses Gebiet festgelegt, wurde
es für Pasdeloup schwierig, hiervon abzugehen, denn das Publikum bleibt
konservativ, ist es einmal in eine Richtung geleitet worden. Man erinnere
sich an die hemmungslosen Entrüstungsstürme in dem riesigen Saal
des Cirque, hervorgerufen durch das bloße Erscheinen der furchterregenden
Namen von Schumann und Richard Wagner. Das Publikum war gekommen, um klassischer
Musik zu lauschen, es brauchte klassische Musik und nichts anderes. "(Saint
Saens)
Wich
ein Programm vom Gewohnten und Erwarteten ab, so reagierte das Publikum
mit unverhohlenem Desinteresse oder (wie Camille SAINT SAENS gerade berichtete)
mit Entrüstung, eine Erfahrung, die auch BERLIOZ 1860 bei einem Konzert
mit Werken von Richard WAGNER gemacht hatte:
"Er
hat es gewagt, das Programm seines ersten Abends ausschließlich aus
Ensemblestücken, Chören oder Orchesterwerken zusammenzusetzen.
Schon das bedeutete eine Kriegserklärung gegen die Gewohnheiten unseres
Publikums, welches, unter dem Vorwande, die Abwechselung zu lieben, sich
stets bereit zeigt, den lärmendsten Enthusiasnius für ein gut
vorgetragenes Liedchen, eine gut vokalisierte, fade Kavatine, ein gutes
Tanzkunststück auf der E Saite einer Violine, oder für gut gepfiffene
Variationen auf irgendeinem Blasinstrumente zur Schau zu tragen, nachdem
es irgend einem großen Meisterwerke eine anständige, aber kalte
Aufnahme bereitet hat." (Berlioz)
Denselben
Sachverhalt prangert auch DEBUSSYS sarkastische Bemerkung an,
die
allerdings rund vierzig Jahre später geschrieben wurde:
"Par
une ironie singulière, ce public qui demande du Nouveau' est le
même
qui s'effare et se moque toutes les fois que l'on essaye de le sortir
de
ses habitudes et du ronron habituel."9
"Es
liegt schon eine einzigartige Ironie darin, daß das gleiche Publikum,
das nach Neuem' verlangt, jedesmal dann außer Fassung gerät
und sich mokiert, wenn man versucht, es aus seinen Gewoheiten und seinem
eingefleischten Wohlbehagen herauszulocken.
Programme,
die wie das folgende, bei dem Débussy als Pianist mitwirkte
aus einem bunten Gemisch von Virtuosenstücken, Opernarien und Opernfantasien,
bis hin zu der Schluß Pièce "Wo ist mein Fahrrad ", bestanden,
dürften Begeisterung und jenes "eingefleischte Wohlbehagen" erregt
haben, von dem DFBUSSY sprach.
Wurde
dagegen tatsächlich Ungewöhnliches aufgeführt (im Salon,
in kleinen, exklusiven Zirkeln, wo das "breite Publikum" nicht anwesend
war) beispielsweise die späten Streichquartette BEETHOVENS in
einer Kammermusikvereinigung wie der "Société des Derniers
Quatuors de Beethoven" , so beruhte der Erfolg dieser Art von Veranstaltungen
nicht selten darauf, daß sie dem Publikum Gelegenheit boten, anstelle
von "lärmendem Enthusiasmus" Geschmacks Exklusivität zu demonstrieren.
Man"goutierte" die von allem Alltäglichen abweichende Musik wie ein
exotisches Gericht, für dessen Würdigung man sich Kennerschaft
zuschreiben durfte; und mit dem gleichen Snobismus, mit dem man umstandslos
einer Mode folgte (also auch der Mode, für Beethovensche Quartette
zu schwärmen), lehnte man Musik ab, der man die Eigenschaften des
"Modischen" und "Exklusiven" nicht zuerkannte: Das waren vor allem Werke
zeitgenössischer französischer Komponisten, neue Musik also,
mit der man sich wie der deutsche Kritiker im Folgenden schreibt,
hätte kompromittieren können:
"Immer
mehr kommt die deutsche Musik hier in die Mode. So erfreulich es auch ist,
nicht mehr ausschliesslich nur im Conservatoire, den Concerts populaires
und in den mit jcdem Jahr sich mehrenden Quartett Vereinen gute Musik zu
hören, sondern auch in den meisten Concerten und Privat Soiréen,
wo noch vor Kurzem die Virtuosenkunststücke und die Opernphantasien
aller Arten sich breit machten, so ist es bis jetzt eben doch weit mehr
die Mode, die diesen Umschwung bewirkte, als ein grösseres Verständniss
des Publikums. Wäre dem nicht so, so müssten wir unbedingt das
Pariser Publikum für das musikalischste, gebildetste der Welt erklären;
keine deutsche Stadt hätte ein ähnliches aufzuweisen! Wo in der
That fänden Sie in Deutschland, was wir häufig jetzt in den elegantesten
Salons hier erleben? In den festlich erleuchteten, grossen, von Gold und
Seide strotzenden Salons der vornehmen Welt ist ein zahlreicher Kreis der
elegantesten Pariser Damen in brillanter Balltoilette versamrnelt, nicht
etwa um Quadrille und Polka zu tanzen , nein, es ist eine nusikalische
Soirée und was wird diesen eleganten Damen vorgeführt? Ist
es ein beriühmter Virtuose, der sich da producirt? Ist es Mademoiselle
Patti, die prima donna vom italienischen Theater, die jetzt aller Welt
die Köpfe verdreht? Nein, es sind die letzten 0 u a r
te t te von Beethoven [ ... 1
Von
neueren Werken hört man hier nur äusserst selten etwas, und seit
wenig Jahren ist selbst Mendelssohn erst in den Concerten des Conservatoires
aufgenommen. Schumann und Schubert als Instrumental Componisten kennt man
nur wenig... Man hat auch einige schüchterne Versuche gemacht, in
besonders dafür gegründeten Concerten dem Publikum Werke lebender
Componisten vorzuführen (ein Gegensatz zu den ancient Concerts in
London, wo man nur dieTodten leben liess, aber sie fanden keine rechteTheilnahme,
und das Publikum zieht vor, jedes Jahr so ziemlich dieselben Stücke
berühmter Meister bewundern zu können, mit aller Sicherheit,
sich nicht zu compromittiren. " "'
Die
Gründung der "Société Nationale de Musique"
Während
die Komponisten der "Jeune école francaise", der Jungen französischen
Schule, zunächst keine spektakulären Versuche unternahmen, ihren
Protest gegen verstaubte Konventionen, verkrustete Institutionen und überlebte
Traditionen in irgendeiner Weise in Aktivität umzusetzen, um Einfluß
auf das Musikleben zu gewinnen, faßten der Komponist Camille SAINT
SAENS und Romain Bussin, Gesangsprofessor am Pariser Conservatoire, den
gleichsam revolutionären Entschluß, das Forum für junge
Komponisten, für neue Werke, für französische Instrumentalmusik,
das im Musikleben fehlte, selbst zu schaffen.
Unmittelbar
nach dem Deutsch Französischen Krieg wurde die Idee in die Tat umgesetzt
und die "Société Nationale de Musique", die Nationale Gesellschaft
für (neue) Musik, gegründet, die in kürzester Zeit fast
die gesamte jüngere Komponistengeneration zu ihren Mitgliedern zählte.
Damit wurden erstmals die Bemühungen der Komponisten um eine "französische"
Musik gebündelt und zu einer zielgerichteten Bewegung zusammengefaßt.
Mit vollem Respekt vor der Musik der Vergangenheit wie vor der zeitgenössischen
Musik des Auslandes wurde beschlossen, nur Werke lebender französischer
Komponisten aufzuführen. Das Motto der neuen Gesellschaft lautete:
"Ars gallica" ("gallische Kunst").
Der
Zeitpunkt für eine solche Initiative war günstig, denn nach dem
Krieg 1870/71 wurde der Begriff "französisch" zur Leitidee auf
allen Ebenen des kulturellen Lebens. Für die Musik bedeutete dies:
Es wurde mehr französische Musik als zuvor gespielt; die deutsche
Musik, welche die Konzertprogramme beherrscht hatte, trat (vorübergehend)
deutlich zurück; man sprach im engeren Sinne von "französischer
Musik als Ausdruck französischen oder romanischen Geistes, um sie
von der deutschen, von "germanischem" Geist getragenen Musik abzugrenzen,
und man war voller Optimismus, das hochgesteckte Ziel einer autonomen
französischen Musik erreichen zu können, also etwas, was
es lange Zeit in Frankreich nicht gegeben hatte.
In
der Satzung der "Société Nationale" hieß es:
"Le
but que se propose la Société, disaient ils, est de
favoriser la production et la vulgarisation de toutes les (ouvres musicales
sérieuses, Hitdes ou non, des conipositeurs francais, d'encourager
et de mettre en lumière, autant que cela sera en son pouvoir, toutes
les tentatives musicales, de quelque forme qu'elles soient, ä la condition
qu'elles laissent voir, de la part de l'auteur, aspirations é1èves
et artistiques."
"Der
Zweck der Gesellschaft ist, die Produktion und Verbreitung aller ernsten,
gedruckten oder ungledruckten Musikwerke französischer Komponisten
zu fördern und, soweit es in ihrer Macht steht, alle inusikalischen
Bestrebungen ins Licht zu setzen, einerlei, ob sie dieser oder jener Richtung,
angehörten, wenn sie nur von Seite des des Komponisten edle und künstlerische
Aspirationen erkennen lassen."
Die
französische Schule der Instrumentalmusik
Das
erste Konzert der "Société" fand am 17. November 1871 statt.
Auf dem
Programm
standen ein Klaviertrio von César FRANCK,
zwei Lieder von Téodore
DUBOIS,
Klavierstücke im alten Stil von Alexis de CASTII.LON,
zwei Violinstücke von Jules Auguste GARCIN
und die "Marche héroique" opus 34 von Camille SAINTSAENS.
Von
da an wurden Jahr für Jahr neun bis zehn Konzerte, zunächst
ausschließlich
mit Werken der Mitglieder, veranstaltet. Auf den Programmen
finden
sich die Namen von SAINT SAENS, BIZET, FRANCK,
MASSENET,
d'INDY, CHABRIER,
LALO,
BRUNEAU,
CHAUSSON,
DUKAS,
DUPARC,
DEBUSSY
und vielen anderen.
DEBUSSY
schrieb 1903:
.,La
plupart des musiciens que nous respectons et ceux qu'aimeront probable
ment
nos petits-enfants se sont entendus lä pour la prermière fois."
"Die
meistei Komponisten, die wir verehren und die voraussichtlich auch noch
unsere Enkel lieben werden, sind hier zum erstenmal aufgeführt worden."
Romain
ROLLAND´s Ansicht, daß ohne die "Société" die
Mehrzahl der Kompositionen, die in der französischen (und europäischen)
Musik einen Ehrenplatz innehaben, nicht nur ohne Aufführung geblieben,
sondern vielleicht gar nicht geschrieben worden wären, dürfte
nicht übertrieben sein.
Über
das erste öffentliche Konzert der"Société" (die Aufführungen
waren sonst nur Mitgliedern zugänglich) berichtet Camille SAINT SAENS
mit dem Stolz des Gründers und mit der Befriedigung, seine ideale
Zukunftsvision verwirklicht zu sehen:
"Dieses
Konzert hatte eine ungeheure Wirkung. Die illustre Zuhörerschaft suchte
nicht ihre Überraschung zu verbergen. Es war also möglich, ein
interessantes Prograinm mit neuen Kompositionen zusammenzustellen, ausschließlich
bestimmt von französischen Namen! Und ein solches Konzert war nicht
nur möglich, es war auch faszinierend für die voreingenommenen
und eigensinnigen Konzertbesucher."
Man
kann sagen, daß von jenem Tag an das Ziel der Gesellschaft erreicht
war, und tatsächlich, seitdem erscheinen die französischen Werke
in Konzertprogrammen, wo man bisher nicht einmal gewagt hatte, eines aufzunehmen.
Die Schranken waren gefallen, der Rest tat sich von selbst und ohne Mühe.
Wenn es auch noch nötig sein sollte, einen Beweis für den Einfluß
der Sociéte' zu
bringen
und für das Gute, das sie der Französischen Schule gctan hat,
würde man ihn in den heftigen Angriffen finden, denen sie ausgesetzt
war. So bescheiden, ja fast unbekannt sie begonnen hatte, wurde sie doch
der öffentlichen Rache preisgegeben. Man hat sie beschimpft, eine
'internationale Musikgesellschaft' zu sein, doch das war absurd. Man wollte
eine Clique der Intoleranz und der gegenseitigen Bewunderung daraus machen.
In Wahrheit aber ist Intoleranz in der Société unmöglich,
denn ihre Mitglieder finden sich nur in einer einzigen Sache zusammen,
nämlich in der Pflege ernster Musik, ansonsten geht jeder seine eigenen
Wege.
Das
Komitee hat reaktionäre Klassiker und fortschrittliche Wagnerianer
vereinigt, die allerdings im besten Einverständnis miteinander leben.
Es war ein künstlerischer Kreis. wenn man so will, aber keine verschworene
Gemeinschaft.
Was
die gegenseitige Bewunderung betrifft, so kann man sich leicht vorstellen,
wie dies in Konzerten aussieht, bei denen jeder Komponist seine Verehrer
mitbringt und als Konsequenz die Verehrer aller anderen gegen sich hat.
Einmütige
Erfolge sind hier schwer zu erringen und haben gerade deshalb einen ganz
besonderen Wert. Ein Werk, das sich hier durchsetzt, hat die Gewißheit,
sich überall durchzusetzen. "
Daß
SAINT SAENS nicht übertreibt, wenn er von einer sich bildenden französischen
Schule der Instrumentalmusik spricht, zeigt ein Blick auf die großen
Orchesterwerke, die gegen Ende des Jahrhunderts entstehen. Als markanter
Zeitpunkt erscheint das Jahr 1886, in dem allein drei Symphonien entstanden:
Camille Saint Saens: Symphonie
Nr.
3 c Moll, op. 78
Vincent d'Indy: Symphonie sur un chant montagnard
francais op. 25
Edouard Lalo: Symphonie g Moll
Zwei
Jahre später vollendete César FRANCK
die Symphonie d Moll opus 48 und zwei weitere Jahre darauf, 1890, Ernest
CHAUJSSON seine Symphonie B Dur opus 20.
Daneben
entstand eine ganze Gruppe von Symphonischen Dichtungen, eine für
Frankreich neue Gattung, für die es zuvor kein einziges Beispiel gegeben
hatte (wenn man von den"lnstrumentaldramen" Hector BERLIOZ' absieht). Mehr
als ein Dutzend Symphonischer Dichtungen lagen
am Jahrhundertende vor, darunter"Danse macabre" von Camille
SAINT SAÜNS, "Les Eolides" von César
FRANCK, "L'Apprenti sorcier" von Paul
DUKAS und weitere, von Vincent d'INDY und Ernest CHAUSSON.
Dazu
kam die Kammermusikproduktion, die in einem
in Frankreich zuvor ungekannten Maße aufblühte. Wiederum konnte
SAINT SAENS eine selbstbewußte Bilanz ziehen:
"In
der Literatur gibt es das Theater, und es gibt auch das Buch. Auf jenes
kommt man immer wieder zurück, welcher Art die mächtigen Verlockungen
der Bühne auch immer sein mögen. In der Musik sind es Kammermusik
und Konzert, die dem Buche gleichkommen, mit ihrer Bedeutsamkeit, ihrer
Dauerhaftigkeit und Zuverlässigkeit. In Frankreich beginnt man seit
einigen Jahren die Wahrheit dieser Worte zu begreifen. Ihre ersten Verfechter
wurden beschuldigt, den französischen Esprit zu verfälschen,
in Deutschtümelei zu verfallen und das Theater zu verabscheuen
kindische Anschuldigungen, mit denen die Zeit so verfahren wird, wie sie
es verdienen.
Tatsache
ist, daß sich ein Repertoire an französischer Instrumentalmusik
entwickelt, geeignet, eben dort in einen vorteilhaften Wettstreit zu treten,
wo lange Zeit die deutsche Schule keinen Rivalen hatte. "
DEBUSSY,
der so respektlose Beinerkungen über WAGNER , Musik abgab wie die
"Zum hundertsten Geburtstag Wagners", in der er erklärte, die Ring
Tetralogie sei das "Adreßbuch der Götter", und der wegen Respektlosigkeiten
solcher Art zu
einem
"Parsifal" Konzert nicht eingeladen wurde, obwohl er Musikkritiker einer
renommierten
Zeitschrift war , DEBUSSY war dennoch zeitlebens ein
WagnerVerehrer.
Er hatte in seiner Jugend zwei Reisen nach Bayreuth gemacht, und seine
Bewunderung für WAGNER hinterließ deutliche Spuren in seinem
Werk. Unverkennbare Anklänge an die Wagnersche Harmonik finden sich
in Kompositionen wie
"La
Damoiselle Elue" oder den "Cinq Poèmes de Charles Baudelaire",
und die
Wagnersche
Leitmotivtechnik
kehrt verändert, aber doch erkennbar, in der Oper
"Pelléas
et Mélisande" wieder. In völliger Offenheit bekannte er
später, zu einer
Zeit,
als er den Kampf um die musikalische Erneuerung mit Engagement betrieb:
"J'ai
surtout cherché â redevenir francais. Les Francais oublient
trop volontiers les qualités de clarté et d'élégance
qui leur sont propres pour se laisser influencer par les longueurs et les
lourdeurs germaniques."
".Und
vor allem habe ich versucht, wieder Franzose zu werden. Die Franzosen vergessen
nur zu gern die Klarheit und die Eleganz, Eigenschaften, die ihrem Wesen
entsprechen, und lassen sich von den deutschen Längen und Tiefen
beeindrucken."
Über
die erwähnte, nicht gehörte "Parsifal" Aufführung schrieb
er:
"Tout
ce qui precäde ne regarde que le poète qu'on a coutume d'admirer
chez Wagner et ne peut atteindre en rien la partie
décorative de Parsifa1; elle est
partout
d'une suprème beauté. On entend lâ des sonorités
orchestrales,
uniques
et imprévues, nobles et fortes. C'est l'un des plus beaux monuments
sonores
que l´on ait élevés â la gloire imperturbable
de la musique.
J'ai
pu vous parler longuement de Parsifal malgré la Société
des Grandes Auditions, grâce au souvenir que j'ai gardé de
mon séjour â Bayreuth en 1889 . Puis se la fidélité
du souvenir compenser la perte de l'exécution 1889! époque
charmante
oü j'étais follement wagnérien."
"Alles,
was ich hier sagte, bezieht sich nur auf den Dichter den man in Wagner
zu bewundern pflegt, und betrifft in keiner Weise den musikalischen Teil
des Parsifal, der überall von erlesener Schönheit ist. Man hört
da Orchesterklänge, die einmalig sind und ungeahnt, edel und voller
Kraft. Das ist eines der schönsten Klangdenkmäler, die zum unvergänglichen
Ruhm der Musik errichtet worden sind. Ich konnte Ihnen trotz der Société
des Grandes Auditions so ausführlich
von Parsifal sprechen, weil ich mir die Erinnerung an meine Reise nach
Bayreuth im Jahre 1889 bewahrt habe Wäre doch die Treue der Erinnerung
imstande, mir die entgangene Aufführung zu ersetzen! Zauberhafte Zeit,
da ich noch ein fanatischer Wagnerverehrer war."
Doch
trennte er scharf die Wagnersche Musik als Objekt der Bewunderung und als
Objekt der Nachahmung; und unter diesem letzteren Aspekt sind seine bisweilen
zynischen verbalen Attacken zu verstehen, die oft weniger WAGNER
selbst
als seinen Epigonen galten. Sein Widerstand gegen WAGNERhatte
zwei Aspekte:
Er
hielt dessen persönliches musikalisches ldiom, das aus "germanischemGeist"
erwachsen war, für nicht übertragbar, schon gar nicht auf französische
Musik:
"Croire
que les qualités particulières au génie d'une race
sont transmissibles â
une
autre race, sans dommage, est une erreur qui a faussé notre musique
assez souvent, car nous adopions, avec un enthousiasme sans défiance,
des formules dans lesquelles rien de francais ne peut entrer. Il serait
meilleur de les
confronter
avec les nötres, de voir ce qui nous manque, et tâcher de le
retrouver,
sans
rien changer au rythme de notre pensée.
Ainsi
nous enrichirions notre patrimoine.'
"Der
Glaube, daß die wesensmäßigen Züge, die den
Geist eines Volkes prägen, ohne Schaden auf ein anderes übertragbar
seien, ist ein Irrtum, der unsere Musik oft genug verfälscht hat,
denn wir übernehmen mit argloserBegeisterung Konzeptionen, in die
nichts Französisches einfließen kann. Es wäre besser wir
stellten sie den unseren gegenüber, damit wir erkennen, was uns fehlt
und es hin
zuzugewinnen
suchen, ohne doch am Rhythmus unseres Denkens etwas zu ändern :auf
diese Weise würden wir unser Erbteil bereichern."
.
Er sah, in einem allgemeineren und größeren musikgeschichtlichen
Zusammenhang, WAGNERS
Musik als einen
Endpunkt an glänzend zwar, doch ohne Dauer: Die "Zukunftsmusik"
erwies sich als "genialer Abschluß einer Epoche" :
"Wagner
[ ... ] fut un beau coucher de l, soleil que l'on a pris pour une aurore
."
Wagner
[ ... ] war ein schöiier Sonnenuntergang, den man für eine Morgenröte
hielt.
Nicht
wenige Zeitgenossen DEBUSSYS beurteilten
den Einfluß WAGNERS
allerdings
in gänzlich anderer Weise: Ob die französische Musik aus dem"Kampf
mit Wagner unbeschadet hervorgehen würde, sei eine Frage ihrer Widerstandsfähigkeit.
Man sah die Auseinandersetzung mit ihm unter gleichsam sportlichem Aspekt,
machte sie zum "Konditionstest" für die französische Musik:
"Wir
haben unseren nationalen Charakter stets gewahrt. Aus dem Wagnersturme
werden wir nicht nur gesund und gerettet herausschreiten, sondern, besser
noch: gestärkt, befreit, gewappnet für die Zukunft. "
Auch
Vincent
d´INDY maß WAGNERsEinfluß,
wie überhaupt dem aller ausländischen Musik, die jemals in Frankreich
Bedeutung erlangt habe, eine heilsame Wirkung bei, weil die Reaktion
darauf fast immer im Hervorbringen "einer neuen Art nationaler Kunst
bestanden habe.
Das
"Problem Wagner" lief also in Frankreich auf die Frage hinaus, ob seine
Musik (als eine Art Ferment) der Entstehung "französischer" Musik
förderlich sein könne oder ob die französische Musik erst
durch den Kraftakt einer vollständigen Ablehnung WAGNERsden
Weg zu sich selbst finden werde.
Französische
Tradition
DEBUSSYS
Überzeugung, daß nicht nur die Abkehr von WAGNFR, sondern eine
allgemeine "Reinigung" der französischen Musik von allem Frernden
oder Überfremdenden dem Begriff "französische Musik"
schärfere Konturen verleihen werde, verstärkte sich in den Anfangsjahren
des 20. Jahrhunderts. Allein die Tatsache , daß im allgemeinen Bewußtsein
ein Name wie MEYERBEER fest mit dem Begriff der "französischen Musik"
verbunden war, erregte seinen Unwillen, und zwar nicht, weil er die Qualität
von dessen Werken anzweifelte, sondern weil er in ihnen einen internationalen,
kosmopolitischen
Ton wahrnahm, dem er das Attribut "französisch nicht
zuerkennen konnte. In einer drastisch bösen Passage beklagt er den
Mangel an musikalischem Traditionsbewußtsein in Frankreich:
1.Voici
bien des annés que je ne cesse de le répéter: nous
sommes infidéles â la
tradition
i nusicale de notre race depuis un siècle et demi.
Il
est vrai qu'on a bien souvent mystifié le public en lui presentant
comme pure tradidition francaise tel courant de mode n'ayant aucun droit
â ce beau titre.
Voilant
et dtouffant les fines ramures de l'arbre généalogique de
notre art, com
bien
de végétations parasites ont trompe les observateurs inattentifs!
Car notre
indulgence
pour les naturalisés est sans bornes.
En
fait, depuis Rameau, nous n'avons plus de tradition nettement francaise.
Sa
mort
a rompu le fil d'Ariane qui nous guidail au labyrinthe du passé.
Depuis,
nous
avons cess~ de cultiver notre jardin, mais, par contre, nous avons serré
la
main
des commis voyageurs du monde entier. Nous avons écoulé respectueuse
ment
leurs boniments et acheté leur camelote. Nous avons rougi de nos
plus
précieuses
qualités dès qu'ils se sont avisés d'en sourire. Nous
avons demandé
pardon
â l'univers de notre goüt pour la clarté légère
et nous avons entonné un
choral
â la gloire de la profondeur. Nous avons adopté les procédés
d'ecriture les
plus
contraires ä notre esprit, les outran ces de langage les moins compatibles
avec
notre pensee; nous avons subi les surcharges d'orchestre, la torture des
formes,
le gros luxe et la couleur criarde."
"Schon
seit Jahren wiederhole ich unablässig: Wir sind der musikalischen
Tradition unseres Volkes seit inderthalb Jahrhunderten untreu. Es ist wahr,
man hat das Publikuin oft irregeleitet, indem man ihm als reine französische
Tradition irgendeine Modesströmung darbot, die keinerlei Anrecht auf
diesen schönen Namen hatte. Wieviel parasitärer Pflanzeiiwuchs
überwucherte und erstickte die feinen Zweige des Stammbaurnes unserer
Kunst und täuschte den unaufmerksamen Beobachter! Denn unsere Nachsicht
gegenüber den Eingebürgerten kennt keine Grenzen- In der Tat
besitzen wir seit Rameau keine
eigentliche
französische Tradition mehr. Sein Tod hat den Ariadnefaden durchrissen,
der uns den Weg wies im Labyrinth der Vergangenheit. Von da an haben
wir aufgehört, uiiseren Garten zu bestellen. Wir haben den Handlungsreiden
aus aller Welt die Hände geschüttelt, haben respektvoll ihren
Anpreisungen gelauscht und ihre Klamotten gekauft. Wir sind errötet
vor Scham über unsere kostbaren Eigenschaften ten, sobald es ihnen
gefiel, darüber zu lächeln. Wir haben die Welt um Vergebung
gebeten für unseren Geschmack, für die leichte, lichte Klarheit
und haben einen Choral angestimmt zum Ruhm der Tiefe. Wir haben Prozeduren
des Tonsatzes übernonimen, die unserem Geist völlig fernstanden,
sprachliche Übertreibungen, die unserem Denken wenig zuträglich
waren, wir haben die Aufblähung des Orchesters erduldet, die malträtierten
Formen, den großen Aufwand und die schreienden Farben."
"Handlungsreisende"
waren wohl Komponisten wie GLUCK oder KompomstenVirtuosen
wie CHOPIN und LISZT
oder Opernkomponisten wie Rossini, Donizetti, WAGNER,
STRAUSS.
Zu
den "Eingebürgerten" gehörten CHERUBINI,
REICHA, MEYERBEER, OFFENBACH und vielleicht sogar César FRANCK,
den Debussy einmal mit deutlicher Betonung als "Belgier" bezeichnet hatte
(die Äußerung war abwertend gemeint, obwohl das Faktum stimmte).
Debussy unterschied ganz offensichtlich zwischen solchen
Komponisten. die in Frankreich Musikgeschichte gemacht hatten, und solchen,
die im eigentlichen Sinne Vertreter der französischen
Musikgeschichte waren, und er appellierte an diese letzteren, sich wieder
auf die "wahre" französische Tradition zu besinnen.
Daß
er sich programrnatisch auf die Tradition berief, mag paradox erscheinen
in einer Zeit, in der von der Musik der Zukunft und von der Zukunft der
Musik viel die Rede war. Doch bedeutete sein Appell keinen reaktionären
Rückgriff. Mit Tradition" war nicht der Anschluß an
die unmittelbare Vergangenheit des 19. Jahrhunderts gemeint
die "schlechte" Tradition, jenes Sammelbecken unbefragter musikalischer
Positionen, von Routine und Unbeweglichkeit, von Regeln, Formeln und Fesseln
, in der er keine Anregungen für Neues und keine Vorbilder für
Französisches fand. Ein Komponist wie AUBER,
dessen Opern in den sechziger Jahren als "typisch französisch" den
Neuerungen der nach Frankreich dringenden Musik WAGNERS gegenübergestellt
wurden, war für ihn als Anknüpfungspunkt ohne Belang. Daß
der Name AUBERS in seinen Musikschriften nicht ein einziges Mal erwähnt
wird, dürfte kaum ein Zufall sein.
Bis
ins 18. Jahrhundert ging Debussy zurück, um den Modellkomponisten
zu finden, dessen Werk er als Inbegriff des Französischen rühmte:
Jean
Philippe RAMEAU.
"Nous
avions pourtant une pure tradition francaise dans I'ceuvre de Rameau, faite
de tendresse délicate et charmante, sarner d'accents justes, de
ddclamation rigoureuse dans le r&it, sans cette affectation â
la profondeur allemande, ni au besoin de soutigner â coups de poing,
d'expliquer ä perdre haleine, qui semble dire:Vous êtes une
collection d'idiots particuliers, qui ne comprenez rien, si on ne
vous
force pas d'avance â prendre des ,vessies pour des lanternes.' On
peut
regretter
tout de même que la musique francaise ait suivi, pendant trop long
temps,
des chemins qui l´éloignaient perfidement de cette clarté
dans l'expression, ce précis et ce ramassé dans la forme,
qualités particulières et significatives du génie
francais. Je connais fort bien la théorie du libre échange
en art, et ce qu'elle a donné de résultats appréciables.
ela ne peut excuser d'avoir oublié â ce point la tradition
inserite dans I'ceuvre de Rameau, remplie de trouvail les générales
presque uniques.
"Dennoch
besaßen wir in seinem Werk eine rein französische Tradition,
geformt aus Empfindung und liebenswürdiger Zartheit, mit richtigen
Akzenten, strenger Deklamation im Rezitativ, ohne diese Sucht nach deutscher
Tiefe, ohne diese Neigung, alles mit dern Holzhammer zu unterstreichen
und bis zur Bewußtlosigkeit zu erklären, was doch nichts anderes
heißt als: Ihr seid schon besondere Schwachköpfe, alle miteinander,
ihr kapiert überhaupt nichts, wenn
man
euch nicht zuerst einmal zwingt, den Himmel für einen Dudelsack zu
halten.' Es ist nur zu bedauern, daß die französische Musik
sich allzulange in Bahnen bewegte, die sie fernhielten von jener Klarheit
im Ausdruck, jener Genauigkeit und Gedrängtheit in der Form, die die
besonderen und bezeichnenden Eigenschaften des französischen Geistes
bilden. Ich kenne recht gut die Theorie vom freien Austausch
in der Kunst und weiß auch, was er an beachtlichen Ergebnissen gezeitigt
hat. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, daß man die
Tradition
Rameaus, dessen Werk angefüllt ist mit Funden von fast einzigartigem
Rang, so sehr vergessen konnte."
Debussy
und Rameau
Debussy
war nicht der erste, der sich auf die musikalische Tradition besann. Gegen
Ende des Jahrhunderts mehrten sich in Frankreich Versuche, alte Musik auf
unterschiedliche Weise neu zugänglich zu machen. Camille SAINT SAENS
hatte 1895 mit der Herausgabe einer Rameau Gesamtausgabe begonnen; zu seinen
Mitarbeiern zählten auch DEBUSSY und d'lNDY. Um die Jahrhundertwende
hatte die ältere Musik im Konzertleben an Raum und Bekanntheit gewonnen
, hier waren es vor allem der Kreis um d'INDY und die Schola Cantorum,
die sich ihr widmeten. Doch waren die Ziele von SAINT SAENS, d'INDY und
DEBUSSY allzu verschieden, als daß
sie
im gleichen Sinn unter einer Überschrift wie "Wiederentdeckung der
alten
Tradition
und Freiheit
Daß
Debussy mit der Berufung auf die Tradition keine sklavische Unterordnung
unter
Vorgegebenes meinte, zeigen seine Werke, in denen sich Traditionsgebundenes
und Zukunftsweisendes mischen, ebenso wie die zahlreichen Äußerungen
zu dem, was er "Freiheit in der Musik" nannte.
Tradition und Freiheit waren für ihn einander ergänzende Werte,
und der Ausdruck "Disziplin in der Freiheit , den er in einem Musikfeuilleton
gebrauchte, ist seine Formel für die Beziehung beider Begriffe aufeinander.
Wenn er unter "Tradition" verstand, den festen Punkt zu finden, von dem
aus Neuerungen möglich waren und überhaupt erst als solche wirksam
werden konnten, so bedeutete ihm "Freiheit" die Aufgabe, Neues zu
schaffen in der Abwehr von allem, was dem künstlerischen Ziel zur
Fessel werden konnte: vorausgesetzte Prinzipien, eine vorgängige Theorie,
der Dogmatismus akademischer Formeln, aber auch die Hingabe an Modisches,
die Versuchung, Snobs, Kritikern oder der Masse zu gefallen, und nicht
zuletzt die "Last erhabener Beispiele", die sich lähmend auf Phantasie
und Urteil auswirken konnten. Deshalb forderte er, "durch die offenen Fenster
auf den freien Himmel" zu schauen: durch die Fenster blicken hieß,
noch den "Rahmen" wahrzunehmen Tradition, Vorbilder ,
doch zugleich auch dieses Vorhandene zu überschreiten, zu erweitern
und zu verändern, und er verachtete die "knechtischen Naturen", die
vor diesem Schritt zurückscheuten.
Nach
der Uraufführung von "Pelléas et Mélisande" im
Jahre 1902 sah sich
DEBUSSY
unversehens und unfreiwillig als Haupt einer Gruppe von Komponisten, die
sich wie Jünger um ihn scharten und seine Ansicht, es gäbe "keine
Schulhäupter mehr, die fähig wären, das Schaffen der nächsten
Generation zu beeinflussen" Lügen zu strafen schienen. Die "Debussysten",
wie sie genannt wurden, hatten ihren Meister insofern mißverstanden,
als sie sein kompositorisches Werk in allzu engem Verständnis als
Verwirklichung seiner Idee einer "französischen Musik" ansahen, als
Modell, das man nicht nur bewundern, sondern auch nachahmen konnte. Und
wenn DEBUSSY in der Zeit um 1909 anfing, sich "musicien francais",
französischer Musiker also, zu nennen,
so war dieser selbstgewählte Titel vielleicht nicht nur programmatisch
ernsthaft gemeint, sondern auch als eine Art ironischer Selbstkritik:
seine
eigene Musik als Objekt der Nachahmung zu sehen, mußte ihm als Abwertung
ihres individuellen Charakters erscheinen und als eine Verkennung seines
künstlerischen Ziels, "persönliche, soweit wie möglich neue
Werke zu schaffen". Jenen Zeitgenossen, die seine Botschaft des "Französischen"
allzu wörtlich auslegten, hielt er "musicien francais"
deshalb sein stolzes Wort entgegen: "Es gibt keine Debussy Schule. Ich
habe keine Schüler. Ich bin ich."'