Genevièves Brief-Erzählung unterscheidet sich
von allen anderen Szenen der Oper durch ein unausgewogenes Verhältnis
von Musik und Sprache:
,,Sprech-Gesang" innerhalb eines sehr geringen Ambitus',
Tonrepetitionen und zwar akademisch notierte, jedoch sehr frei zu interpretierende,
fast schwankende Rhythmik dominieren über liegenden und lediglich
harmonisch stützenden Orchester-Akkorden sowie motivischen Erinnerungen
an Gestalten der Oper (wie zum Beispiel an Mélisande, zwei Takte
nach Ziffer 25).
Dennoch "spricht" auch hier die Musik, führt ein
Vergleich der Opern- mit der reinen Sprechtheater-Szene zu der Erkenntnis,
daß die Brief-Botschaft des Golaud im Musiktheater ungleich intensiver
wirkt als selbst in der bestmöglichen Inszenierung des Maeterlinckschen
Dramas.
Jeder Teilsatz des Briefes wird in der Oper von der Erwartung
eines neuen Tonzusammenhanges und damit einer Melodiefarbe begleitet, die
die Sprechstimme nie aufzulegen vermag. Das Heben und Senken einer Sprechstimme
kann
den realen oder imaginären Zeitabstand zwischen zwei Aussagen nicht
dehnen oder verkürzen, während das Auf- und Absteigen einer Singstimme
in festlegbaren Tonhöhen, selbst wenn sie nur ,,rezitativisch" agiert,
Musik schon selbstverständlich als Zeitkunst einbringt.
Zusätzlich bekommt sie durch instrumentale Liegetöne
eine Basis und grö ßere Tiefenwirkung.
Nach der Spannung, die die Szene der Geneviève
auf diese musikalisch sprechende" Weise aufbaut, wirkt die Antwort Arkeis,
,,Je n'en dis rien" (vor Ziffer 27), deshalb umso erschütternder:
,,Qu'il en soit comme il a voulu: je ne me suis jamais mis en travers d'une
destinée." (Ziffer 29)
Die Vierte Szene des Dritten Aktes ,,Devant le château"
Schon im Zwischenspiel nach der Dritten Szene wird Yniolds
,,Leitmotiv" neun Takte vor Ziffer 44 eingeführt und taucht von da
an immer wieder, original oder variiert, auf.
Es zeichnet sich durch besondere Höhe und die zweimalige
Betonung der Spitzentöne cis"' und gis" aus, die der Lage und Farbe
eines Knabensoprans
entsprechen, den Debussy eigentlich für die - heute häufig von Sängerinnen interpretierte - Partie vorsieht.
Das Kind Golauds aus erster Ehe ist die lebendigste Gestalt
der Oper und zugleich die gefährdetste, da sie Spielball der
kommunikationsarmen Erwachsenen wird.
Das zeigt sich besonders in der Szene ,,Devant le château",
die Golauds Versuch, Yniold als Spion zu mißbrauchen, in ,,Musik"
und "Sprache" bedrängend schildert.
Über Fragmenten des ,,Golaud-Motivs" (z. B.
fünf Takte vor und vier Takte r25). nach Ziffer 45) und eingefügten
Varianten des ,,Yniold-Motivs" (z. B. vier Takte vor sowie einen Takt und
sechs Takte nach Ziffer 48, dann pizzicato ,,zitternd" zwei Takte nach
Ziffer 49) entwickelt sich im ,,rezitativischen Dialog" bei dynamischer
Steigerung im Orchester die grausame Zumutung des eifersüchtigen Golaud
an Yniold, Pelléas und M+elisande durch das Fenster zu beobachten
und ihm über das Gesehene zu berichten.
Die Zunahme in der Orchesterbesetzung, die Belebung der
Rhythmik, die Spannung durch Chromatik und harmonische Ausweitung, das
Anziehen der Tempi und die szenischen Effekte mit Lichteinwirkung in den
Kulissen bringen zum ersten und einzigen Mal in der Oper das Entsetzen
in den Vordergrund, ein eindeutiges Gefühl - im Gegensatz zur
Un-Entschiedenheit und zum Un-Verständnis, zum An-Einander-Vorbei-Reden
und -Fühlen der übrigen handelnden Personen.
Eine Identifikation des Opernbesuchers mit einer Figur,
nämlich dem hilflosen Kind, wird hier ausnahmsweise möglich und
läßt zugleich einen Bruch dis in der Ästhetik des Stückes
deutlich werden.
Die ursprüngliche Stimmung der isolierten, absichts-
und einflußlosen Personen kehrt nur zurück, wenn Golaud mit
sich selbst spricht (acht Takte nach Ziffer 50) und die ,,misère
de sa] vie" beklagt, sich einen ,,aveugle, qui cherche son trésor
au fond de l'é, ... un nouveau né perdu dans la forêt"
nennt und mit einer Generalfermate ,,Musik" und ,,Sprache" einhalten.
Golaud will im Schatten bleiben (,,Restons ä l'ombre",
drei Takte vor Ziffer 58), während Pelléas und Mélisande
sich dem Licht zuwenden, (,,lIs regardent la lumière", sieben
Takte nach Ziffer 66).
Aber auch sie verständigen und verstehen einander
nicht (,,lIs ne parlent pas", vier Takte nach Ziffer 66).
Da es Yniold ist, der diese Eindrücke vermittelt,
fällt seine eigene Lebendigkeit und Not um so mehr auf.
Der Abbruch der Szene (,,Je vais crier ... Laissez-moi
descendre!") im Fortissimo entläßt das Publikum in ein Nachspiel,
das den dritten Akt mit symphonischer Orchesterintensität beschließt,
ähnlich der in Debussys reiner Instrumentalmusik.