Eingang: O FOTRTUNA
( CB17)
O Fortuna O Fortuna velut luna
o Fortuna, wie der Mond
statu variabilis.
bist du wechselhaft
semper crescis aut decrescis
immer kommst und gehst du
vita detestabilis
jämmerliches Leben
nunc obdurat et tunc curat
du verletzt und heilst
ludo mentis aciem.
als Spiel das arme Herz
egestatem potestatem
Ohnmacht und Macht
dissolvit ut glaciem.
schmelzen wie der Schnee
sors immanis et inanis
Das unerbittliche Schicksal
rota tu volubilis.
dreht sich auf dein Geheiß
status malus vana salus
Unglück und Glück
semper dissolubilis
lösen sich auf und verkehren sich
obumbratam et velatam
überschattet und verschleiert
michi quoque niteris,
dringst du, Schicksal auf mich ein
nunc per ludum dorsum nudum
wegen deinen tollen Spieles
fero tui sceleris.
muß ich arm und nackt sein
Sors salutis et virtutis
Das Glück, Heil und Wohl
michi nunc contraria
hat sich nun gegen mich gewandt
et affectus et defectus
und Positives wie Negatives
semper in angaria.
schwanken hin und her
Hac in hora sine mora
Jetzt und ohne Zögern
corde pulsum tangite.
schlagt die vollen Saiten
quod per sortem sternit fortem
auf dass sich gegen das heftige
mecum omnes plangite.
Schicksal alle mit mir stemmen
Analyse: (Thomas)
Die Leitidee der Textkonzeption ist in der Getalt der Fortuna
imaginiert:
uralte Chiffre für die Nr.1 Schicksalsverfallenheit
des Menschen.
Ursprünglich altitalische Göttin - im Gefolge der griechischen
Tyche~ - ist sie dem tropologischen Denken des Mittelalters geläufig.
Häufige Attribute sind Steuerruder, Füllhorn, Kugel unter
den Füßen und Rad. Als dessen Bewegerin erscheint sie in den
Miniaturen des Mittelalters, dort auch als ,,moralische Didaxe" gedeutet
(Steer 1983, 17), aber auch in den Fensterrosen oder am Gewände der
Kathedralen. Im Barock wird sie zu einer vielfältig variierten emblematischen
Figur.
Fortune plango
(CB 16)
Fortune plango vulnera
Dem Schicksal klage ich meine Schmerzen
stillantibus ocellis
mit dicken Tränen
qoud sua michi munera
weil seine Gunst sich von mir
subtrahit rebellis.
widerwillig abewendet hat
Verum est, qoud legitur
es ist wahr, was man liest,
fronte capillata
man sollte den Augenblick nutzen
sed plerumque sequitur
aber meist folgt
occasio calvata.
eine verpaßte Gelegenheit
In Fortune solio
In wahrhaftem Glück des Schicksals
sederam elatus,
saß ich hoch erhaben
prosperitatis vario
mir ging es wirklich glänzend
flore coronatus.
ich war von Blumen bekränzt
Qicquid enim florui
wie gut es mir damals auch ging
felix et beatus
glücklich und blühend
nunc a sommo corrui
nun hat es mich aus der Höhe gerissen
gloria privatus.
und allen Ruhmes beraubt.
Fortune rota volvitur:
Das Schicksal dreht sich wieder
descendo minoratus
es nimmt mich mit in die Tiefe
alter in altum tollitur;
dann trägt es wieder hinauf
nimis exaltatur.
auf die äußerste Spitze
rex sedet in vertice -
Der König sitzt auf dem Thron
caveat ruinam.
dann fällt er in den Abgrund
nam sub axe legimus
denn im geheimen lesen wir,
Hecubam reginam.
da Hecuba die Welt regiert
Analyse (Thomas)
Das thematisch und formal verwandte CB 16 paraphrasiert sinngemäß
den dem Rad der Nr.2 Fortuna beigesetzten ,,Deutspruch"'
einen leoninischen Hexameter (Mittelzäsur reimt mit Schluß!):
régnabó-regnó-regnávi-súm sine régno.
Die vier Stufen wechselnden Glücks werden an Königsfiguren exemplifiziert.
In der Miniatur ist es König Salomo. Der Schlußvers des
Gedichts aber nennt die unglückliche Königin Hekuba von Troja,
Mutter des Hektor und Paris, als paradigmatische Figur tiefsten Falles.
Die beiden Gedichte sind rhythmische Strophenlieder und gehören
dem Typus des ,,Planctus" an, der ,,Klage". Der Vokativ am Beginn des CB
17 ist kein beschwörender Appell des Glückes, sondern eine Anklage
seiner Unbeständigkeit. Die Schlußzeile enthält die für
die Klage typische Aufforderung an alle, einzustimmen.
CB 16 beginnt im gleichen Ton: Fortune plango vulnera' trotz der unpathetischen
Diktion vielleicht eine versteckte Liebesklage (Bemt 1979, 870).