zum Codex und dem Zugang Carl Orffs
Der Text
Der Codex Buranus, nach seinem ursprünglichen Aufbewahrungsort
benannt, ist eine mittelalterliche Sammelhandschrift mit lateinischer Lyrik
des 12. und 13.Jahrhunderts (Bischoff 1967, 5). Er enthält, thematisch
geordnet, über 250 überwiegend lateinische Gedichte, untermischt
mit mittelhochdeutschen Versen und romanischen Einsprengseln: moralisch-satirische
Dichtungen, Liebes-, Trink- und Spielerlieder, ferner geistliche Schauspiele.
Die Handschrift ist heute als C(odex)) m(onacensis) 4660 einer der
größten Schätze der Münchner Staatsbibliothek, der
Rechtsnachfolgerin der kurfürstlichen Hofbibliothek, deren Direktor,
Christoph Freiherr von Aretin, sie 1803 im Zuge der Säkulansation
aus der Klosterbibliothek Benediktbeuern nach Johann Andreas
Schmeller unter dem Titel Carmina Burana erstmalig heraus.
Die 4. Auflage von 1904 - für Orff ein Zufallsfund - wurde
seine Textquelle. Auch den Werktitel hat Orff von Schmeller übernommen
(IV 1979, 38ff.). Bei der Formulierung des Untertitels, der Auswahl
und Erschließung der Texte unterstützte ihn der gelehrte Bamberger
Archivrat Michel Hofmann (siehe Literatur II S.51).
Die mediävistische Forschung hat die 1930 begonnene kritische
Neuausgabe des Codex Buranus 1970 fertiggestellt, detaillierte Untersuchungen
zu seiner Herkunft und Datierung
(Bischoff 1967; Bemt 1978, 838 f.; Steer 1983), zur Textemendation,
Anordnung und Deutung (Hilka-Schumann, Kommentar 111, 1930; Bulst 1934;
Raby 1953/1957; Düchting 1962; Dronke 1968) durchgeführt
und hervorragende Neuausgaben vorgelegt (Bischoff, Faksimile 1967; Bernt/lFischer/Kuhn
1974 [dtv 1979] mit Übersetzung).
Nach dem letzten Forschungsstand ist der Codex Buranus in der Zeitspanne
zwischen 1220 und 1250 am Hofe eines Bischofs von Seckau in der Steiermark
(Bischoff 1 3, 1970, Vorwort XII) oder im Augustiner-Chorherrenstift Neustift
bei Brixen in Südtirol (Steer 1983, 35) entstanden.
Orff konnte, von der kritischen Erschließung noch fast
unberührt, die Sammlung so benutzen, wie sie Schmeller ediert harte.
Daß die Miniatur der ,,rota Fortunae" durch den Fehler eines späteren
Buchbinders wie ein Titelbild an den Anfang geraten war (fol. 1-2gehörte
nach fol. 43~8, der ursprüngliche Anfang ist verloren), wurde für
Orff zum Auslöser
seiner übergreifenden Werkidee. Er machte gleich einem ,,poeta
volgare" von der ,,licenza" freier Auswahl und Umdeutung Gebrauch
und stellte seine Konzeption unter die Leitworte:
Ver-Taberna-Amor (ein Zwischentitel: De vere findet sich auch im Codex
bei 156).
Was ihn faszinierte, war dreierlei:
1. Das riesige Bildarsenal einer das Zeitbewußtsein spiegelnden, aber zugleich welthaltigen Dichtung von sinnlicher Lebensfülle wie kritischer Geisteshelle, von elementaren menschlichen Grundfiguren wie von mythologisch und rhetorisch bis zur Raffinesse stilisierter, aus der intimen Kenntnis römischer Dichtung heraus genährter Sprachvirtuosität großer Dichter und kleiner Imitatoren: clerici, Scholaren, Vaganten.
2. Die Orffs süddeutsch-mediterraner Physiognomie
vertraute, fast ,,anheimelnd" wirkende Atmosphäre dieses Bilderbuches,
das nahe der alten Römerstraße zum Brenner entstanden war und
in ,,seiner" Bibliothek - so nannte er dankbar die Münchner Staatsbibliothek
-verwahrt wurde. Die Gedichte sind keine Konfessionen eines ,,lyrischen
Ich", sondern Rollengedichte. Sie stellen exemplarische Daseinsmuster und
typische Lebenssituationen vor. Das Formenarsenal zeigt eine Verschmelzung
von Antikem und Christlichem: quantitierende
Versus auf der Basis der antiken Silbenmessung und akzentuierende Rhythmi,
die von der christlichen Hymnendichtung und ihrem Reim bestimmt sind. Diese
epochenbindende Kraft traf ins Zentrum von Orffs geistigem Habitus.
3. Erst recht gilt das von dem Lateinischen als ,,Vatersprache" des
damaligen geistigen Europa. Orff sah in einem künstlerischen Verwandlungsprozeß
die Chance, die elementare Vitalität dieses Uberlieferungspotentials
in der originalen Sprachgestalt neu zu entzünden.
Die auf S.37 folgende Konkordanztabelle bietet nicht nur Fundhilfe,
sondern veranschaulicht den textlichen Aufbau und läßt Orffs
Umgang mit seiner Textquelle deutlich werden. Er läßt Zeitgebundenes
liegen und hebt das ihm gültig Scheinende heraus. Dieses ,,Gültige"
schießt kraft seiner intuitiven Imagination kristallartig zu neuen
Gebilden zusammen. Vergessenes wird erinnert, Verschüttetes freigelegt.
Es beginnt wieder zu ,,leben". Das manifestiert sich nicht zuletzt in den
Anstößen, die sein Werk der mediävistischen Forschung gegeben
hat, und in dem Faktum, die lateinische Lyrik des Mittelalters ins allgemeine
Bewußtsein gehoben zu haben.