Die der düsteren Introduktion folgenden Bilder hat Orff unter die
Devise Primo vere gestellt.
Die scheinbare Reihung von acht Gedichten erweist sich als ein kunstvoll
ausgewogenes, nach Sprachklang und Sinnbogen gegliedertes Konzept.
Zwei Bildkomplexe zeichnen sich ab.
Auf drei lateinische Lieder folgt, durch einen instrumentalen Tanz
abgesetzt, das erste Mischgedicht des Zyklus. Es öffnet, durch den
szenischen Zwischentitel Uf dem Anger signalisiert, das Latein ins ,,Volgare"
des Minelhochdeutschen' wieder mit drei Gedichten. Allerdings sind, wieder
durch einen Tanz eingeleitet, in Nr.9 zwei kurze Texte ineinander verschränkt.
Dem Titel Frühlingsanfang im engeren Sinn entsprechen nur die eröffnenden
lateinischen Lieder, während die deutschen Stücke zum Sommer
führen.
CB 138 ( "Veris leta") atmet die bukolische Heiterkeit eines
,,locus amoenus" im auffirechenden Frühling, durchsetzt mit den längst
zum Topos gewordenen Namen aus der römischen Mythologie und Dichtung.
Veris leta facies
Veris leta facies
Der Frühling wendet sich mit frohem Gesicht
mundo propinatur
der Erde zu.
hiemalis acies
Des harten Winters
vieta iam fugatur.
Streitmacht entflieht er nun.
In vestitu vario
in verschiedenen Prachtgewändern
Phebus principatur
herrscht nun Phoebus
nemorum dulcisono
der mit wohlklingendem Gesang
qui cantu celebratur.
der Waldgeister ein Fest feiert.
Flore fusus gremio
Flor bietet ihm den Mund
Phebus novo more
Phoebus lacht in neuer Weise
risum dat, hoc vario
auf mannigfache Weise
iam stipatur flore
von Blumen umgeben.
Zephyrus nectareo
Zephir haucht süßen Nektar
spirans in odore
in seinem Atem
certatim pro bravio
kämpfend um den Kühnsten
curramus in amore..
beginnen wir die Liebe.
Cytharizat cantico
Mit Gesang und Harfenspiel
dulcis Philomena
die süße Philomena
flore rident vario
sie lachen und mit Blumen bekränzt
prata iam serena.
beginnt schon der Abend
salit cetus avium
ein Schwarm von Vögeln steigt auf
silve per amena
in dem stillen Wald
chorus promit virginum
ein Chor von jungen Mädchen
iam gaudia millena.
jauchzt von tausend Freuden