Zum Wesen der Fortuna - das Glücksrad
Das Rad der Fortuna (Werner Thomas)
Damit treten wir in den altrömischen Anschauungsbereich
über das Wesen des Glücks ein.
Hier erscheint neben der Wechsellaune der ,,Fortuna"
der Glaube an ein beständiges Glück als Attribut der Person:
,,Felicitas".
So kann Cicero - im Gedanken
an sein Idealbild eines römischen Heerführers, das er in
Pompeius verkörpert sah - als grundlegende Eigenschaften des summus
imperator nennen: scientia rei militaris, virtus, auctoritas, felicitas.
Letztere bekommt in der römischen Historiographie das Beiwort
,,perpetua" immerwährend!
Wie Fortuna, so wird auch Felicitas, zunächst personifizierte
Eigenschaft des glückhaften Feldherrn, zum göttlichen Wesen erhoben.
Beiden Gottheiten werden Kulte eingerichtet und Tempel gebaut. Der Fortunakult
in Praeneste z.B., durch die riesige Tempelanlage bis heute berühmt,
ist bereits für das 3. Jahrhundert bezeugt. Der Felicitas haben drei
glückhafte Feldherren Heiligtümer gestiftet: Licinius in Velabro,
Pompeius in seinem Theater, wo neben Felicitas auch Venus victrix, Honor
und Virtus verehrt werden, und Caesar auf dem Platz der von Faustus Sulla
errichteten Curie.
Caesar hat sich, wie seine
abfälligen Äußerungen über die ,,felicitas" des Pompeius
beweisen, offenbar immer wieder mit der Frage nach dem Wesen dieses rätselhaften
Numen befaßt. Die Überlieferung sagt, er habe für die Schlacht
bei Thapsus ,,Felicitas" als Parole ausgegeben. Und wenn Friedrich der
Große von der ,,Fortuna" des Feldherrn gesprochen hat, dann steht
er ebenso in der Nachfolge Caesars wie Napoleon, als er vor der Schlacht
bei Borodino seinen Offizieren zurief: Voilä le soleil d'Austerlitz!
<zit. nach Bömer).
Caesars Glück war schon früh sprichwörtlich.
Darauf weist die berühmte Anekdote aus einer Winternacht des Jahres
48, als er von Epirus aus den Versuch machte, durch den Sturm nach Italien
zurückzufahren, um die fehlenden Legionen gegen Pompeius nachzuziehen.
Dem Schiffer, der zögerte, bei diesem Seegang die Überfahrt zu
wagen, habe er zugerufen: Fürchte nichts; du fährst Caesar und
sein Glück! Bei den griechisch schreibenden Autoren lesen wir dort
für ,,Glück" das Wort Tyche. Die Forschung hat wahrscheinlich
gemacht, daß Tyche hier nicht mit Fortuna identisch sein kann. Freilich
ist Tyche ursprünglich die über Götter und Menschen erhabene
Schicksalsgöttin. Sie verkörpert wie Fortuna den unbestimmten
Wechsel des Glücks, das ,,Zufallen", wie der verwandte Verbalstamm
lautet. In der griechischen Komödie und auch sonst wird sie häufig
blind dargestellt. Dieser Tyche konnte sich Caesar nicht anvertrauen.
In der Tat gibt es eine zweite Erscheinungsform der Tyche:
die einer göttlichen Macht, die dem Menschen personhaft zugeordnet
ist. Sie entspricht einerseits etwa der römischen Felicitas, andererseits
aber auch dem lateinischen ,,Genius", der personalen Qualität
einer großen Entelechie, die legitimiert ist, an ihren ,,Stern" zu
glauben. Den Beweis für diese Deutung bringt eine Parallelüberlieferung
der Anekdote von Epirus bei Appian, der nicht von Caesars Tyche, sondern
von seinem Daimonion spricht. Damit ist der personale Charakter dieses
göttlichen Wesens genau bezeichnet.
Denn Daimon ist eine Art göttlicher Kraft,
die als Schicksal an das Handeln, Entscheiden und Erleiden der Person gebunden
ist.
Einer so verstandenen Tyche, in der Felicitas, Genius
und Daimon zusammenklingen, gehört Caesars Vertrauen; bei dieser Tyche
hat er Eide geschworen; dieser Gottheit hat er Ende des Jahres 49 vor der
Uberfahrt nach Griechenland in Brundisium sogar geopfert. Damit aber wird
Caesar, ein um die Verwirklichung seines zugeteilten Daimon Ringender,
zum Bruder des Odysseus.
Beide, Odysseus wie Caesar, folgen - jeder in seiner
Weise - ,,dem Gesetz, wonach" sie ,,angetreten". Die Versikel Dämon
und Tyche in Goethes: "Urworte Orphisch" sind
bezeichenenderweise komplementäre, ja einander bedingende Aussagen.
Sie aber steigen aus dem dunklen Grunde am Beginn des Nachdenkens der griechischen
Philosophen über das Wesen des Menschen.
Bei Heraklit heißt
es "sein Charakter ist dem Menschen Daimon". In solchem Stande wird der
Mensch glücksfähig und schicksalswürdig.
…….
Man möchte meinen, der Autor dieser Beischriften
(Siena) habe von dem uns unbekannten Schreiber abgeschrieben, der in dem
wohl hundert Jahre älteren Codex Buranus, der die Carmina Burana enthält,
die gleichen Inschriften zu der Miniatur der Fortuna im Rad hinzugesetzt
hat.
Sie lauten hier in der Sprachgestalt eines leoninischen
Hexameters:
régnabó - - regnó - regnávi
- súm sine régno.
Fortuna, durch die Größe ihrer Gestalt als
,,Imperatrix mundi" charakterisiert, sitzt in der Mitte des Rades, so daß
die Mittelspeichen völlig verdeckt sind. Hier gibt es noch keine kommentierenden
Philosophen wie in der Renaissance; sie selbst hält aufgerollte Spruchbänder
in den Händen. Auch der König über ihrem gekrönten
Haupt, auf seinen Palast sich stützend, erscheint ebenso als ihre
Kreatur wie der zu ihren Füßen unterm Rade sich windende gestürzte
Herrscher. Die Komposition ist in ein Zwölfeck eingespannt, das wie
der Stumpf eines Kreuzes wirkt. Auch diese Miniatur vom Ende des 13.
Jahrhunderts ist keine Erstschöpfung, sondern steht in einer geläufigen
Tradition.
Ein Jahrhundert früher begegnet Fortuna als Bewegerin
des Glücksrades in dem enzyklopädischen Lehrbuch "Hortus deliciarum"
der Äbtissin Herrad von Landsperg.
Aber auch in den Fensterrosen oder am Gewände der
Sakralarchitektur kreist das Glücksrad, so am Querschiff von St. Etienne
in Beauvais oder am Münster zu Basel.
In die christliche Ikonographie und Geschichtsdeutung
und in die humanistische Philosophie mag das Rad der Fortuna als Metapher
der Wiederholbarkeit alles geschichtlichen Geschehens durch die Consolatio
Philosophiae des Boethius gekommen sein. Er
läßt im II. Buch seine personifizierte Fortuna sagen:
Dies beständige Spiel spiele ich: ich drehe das
Rad mit schnelirollender Felge; das Unterste gegen das Höchste, das
Höchste gegen das Unterste zu tauschen, ist meine Freude. Steige empor,
wenn du willst, aber unter der Bedingung, daß du es nicht für
unrecht hältst, herabzusteigen, wie es der Gang meines Spieles fordert.
(Ubersetzung Karl Büchner).
Das Glücksrad kreist diachron durch die Jahrhunderte.
In seinem Dialogus de oratorihus (cap. 23> will
Tacitus ,,nicht darüber spotten"; es
muß also längst ein Topos der römischen Rhetorik gewesen
sein. Es spiegelt aber seinen antiken Ursprung auch noch in der Abstraktion
der fortune r6elle in der Cicero-Kritik des Leibniz im dritten Teil seiner
Theodizee.
Die Miniatur des Codex Buranus illustriert gleichsam
die beiden Lieder, die Orff an den Anfang seiner Cantiones profanae gesetzt
hat:
o Fortuna velut luna statu variabilis
und:
In Fortune solio
Auf Fortunas Herrscherstuhl
sederam elatus,
Saß ich, hoch erhoben
nunc a summo corrui
Jetzt stürzte ich vom Gipfel ab
gloria privatus
Beraubt der Herrlichkeit.
Fortunas Rad es dreht sich um:
Ich sinke, werde weniger,
Den anderen trägt es hinauf:
Gar zu hoch erhoben
Sitzt der König auf dem Grat
-Er hüte sich vor dem Falle!
Wieder spannt sich, nun über vier Jahrhunderte hinweg, der Bogen zu der Weltangst der barocken Epoche (Casper von Lohenstein, Cleopatra V 1ff.):
Wer auf das leichte Rad des blinden Glückes traut
,
Auf seiner Tugend Grund nicht schlechte Thürme
haut
Die Fürsten dieser Welt der Erde Götter
nennet
Wer viel weiß ausser sich , sich in sich selbst
nicht kennet
Wer sich aufs Zepters Glas des Thrones Grund-Eiß
stützt;
Der komm und lern allhier , wie der so schwankend
sitzt
Der auf dem Gipffel steht.
Diese in das Bild des Schicksalsrades verdichtete Einsicht
in das wechselhafte, ungesicherte, ja ruinöse Walten der Fortuna ist
nicht nur spätgotisches Erbe, nicht nur eine Komponente der barocken
Ängste. Sie ruht, wie Pinturicchios Bildgeschichte, zuletzt auf antikem
Grund.