Das musikalische Grundkonzept Carl Orffs
 
 

Zu einer Reihe von GB enthält der Codex Melodien in linienlosen Neumen aus der Zeit ihrer
Aufzeichnung (Bischoff 1967, lof.). Sie gehören zu den Rhythmi, die überwiegend für Gesang
und Tanz bestimmt waren, während die Versus (Hexameter und Distichen) gesprochene
Dichtung darstellen.
Die manchmal geäußerte Vermutung, Orff habe Melodien aus dem Codex benutzt, ist unzutreffend. Zu den von ihm gewählten Texten sind keine Melodien überliefert (die zu CB 196: In taberna ist durch eine Kontrafaktur aus dem Ludus Danielis gewonnen; Clemencic1979, 127ff. u. 197).
Orff kannte also weder diese noch andere, weil sie erst später von der Forschung erschlossen wurden <heute etwa 30) <Lipphardt 1955/1962; Clemencic 1979). Er  hat selbst bestätigt, daß er sie völlig unberücksichtigt (IV 41) gelassen habe.
Ihn faszinierten Bildhaftigkeit, vokalreiche Musikalität und Knappheit der lateinischen Sprache.
  So ist seine musikalische Erfindung originär und bedeutet eine Adaption seiner damaligen
Stilstufe auf das fremde Sprachmedium..
Dessen Eigenart kam freilich Orffs Personalkonstanten in idealer Weise entgegen. poetische Idee, Sprachklang, Lapidarität, Elementarität, Vitalität des Rhythmisch-Tänzerischen.
   Daher mußte ihn die bunte Vielfalt der oft kunstvoll gebauten Strophenlieder mit und ohne
 Refrain (altfranz. ,,refloits"), die der Elementarform des Rondeau nahestanden und sich als
 Bewegungsmusik mit wechselnden Rhythmen interpretieren ließen, mehr engagieren als die
  Großformen der Sequenz oder des Leich.
Der Sequenz <Marien-, Toten-, Liebesklage) am ehesten verwandt erscheinen die großen hymnischen Anrufe (Nr.1, 24). Sie stehen jedoch personalstilistisch in der Nachfolge der hymnischen Attitude der Werfelkantaten (z.B. Komm
miolge  heiliger Geist du schöpferisch).
 Die Bauform der CB-Musik ist weitgehend ein Äquivalent zu den Strophengedichten.
In  ihrem strophischen Aufbau kennt sie keine Entwicklung. Eine einmal gefundene musikalische
zu den  Formulierung - die Instrumentation war von Anfang an immer mit eingeschlossen - bleibt in
allen ihren Wiederholungen gleich (Orff IV 43).
Diese Beschaffenheit wird oft mißverstanden.
 Der Verzicht auf eine entwickelnde, auf Fortspinnung und thematischer Arbeit beruhende Satztechnik wird als Mangel angesehen. Die alternative Qualität eines auf Gerüstformen und Fundamenttechniken basierenden Klangsatzes wird verkannt.
Seine Mittel sind Bordun, Ostinato, Tonreperkussion, Wechsel- und Pendelklänge, Mixtur- und Fauxbourdonketten,
 einen  organale Bildungen, vorharmonische Klangflächenkontraste, pointillistische Klangfelder.
  Eine rondohafte Architektur entsteht aus der Wiederkehr von Klanggesten und Klangformeln von hoher konzentrativer Potenz. Orff selbst hat der CB-Musik eine statische Architektonik zuerkannt (IV 43). Das wird eindrücklich anschaubar auf der ersten Partiturseite, besonders im Faksimile (Eulenburg 8000, VIII).
In der Mitte die horizontale Achse des Chores, darüber wie auf einer Empore placiert, die Klangsäulen von Holz- und Blechbläsern; unter dem Choreine statisch ausgewogene Klangpfeilerarchitektur der Klaviere und Streicher.
  Freilich präsentiert die ,,Szenische Kantate" in der Reihung kontrastierender Bilder auch
  andere gattungseigene Bauformen.
Sie öffnet sich in strömendem Melos zur Aie (besonders  21, ferner 11, 15, 17 und - karikierend - 12), zum Arioso (16, 18), zum Rezitativ (13), zu freischwingender Linearität (3, 4), schließlich in das weitgespannte Melisma (23), das mit der
  Keimform der Sequenz, dem Melisma über dem Schlußvokal des Alleluia der Messe, im Sinn einer Kontrafaktur verwandt scheint. Orff würde es wohl lieber in die Nachfolge der
  " italianitá" seiner Catullgesänge gestellt sehen.
    Die Musik der CB ist eine Funktion der Szene. Für die adäquate Entfaltung der ,,imagines
  magicae" ist auch das nicht oder nur unvollkommen Notierbare wesentlich: das Gestisch
  Mimische der an der Sprache orientierten Musik, das nicht nur an die Sänger und Tänzer
  appelliert, sondern auch die Instrumentalisten zu intelligentem Mitvollzug provoziert.